Trösten ohne zu vertrösten. Wie geht das?

Pfarrer und Synodalassessor Henning Waskönig beschäftigt sich in der Andacht des Monats Februar mit folgendem Text: „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll (Röm 8,18).“

 

Henning Waskönig

Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“ (Röm 8,18) Tröstet mich das? Nein. Oder vielleicht sage ich besser: Es tröstet mich wenig. Ich verstehe, was Paulus wichtig ist. Aber könnte er das nicht auch anders sagen? So klingt es irgendwie schief. 

Der Blick geht nach vorne, auf das was kommt, was noch aussteht: Gottes Herrlichkeit, die sich an uns Menschen zeigen wird. Wir als Gottes geliebte Kinder. Schon jetzt, aber in aller Pracht und Fülle dann in Ewigkeit. Das klingt gut und ist richtig. Zumindest glaube ich, dass Paulus hier recht hat. 

Doch was ist mit dem, was mich hier auf Erden belastet? Woran ich schwer zu tragen habe? Worunter ich leide? Lässt sich das einfach so beiseite schieben, nach dem Motto: Später wird alles besser! All das Elend und Leid dieser Welt hat doch sein eigenes, schreckliches Gewicht. Was kann hier trösten – und was vertröstet auch nur?

Am 1. Februar 1944 schreibt Dietrich Bonhoeffer einen Brief an seinen Freund Eberhard Bethge. Darin heißt es: „Du wirst wissen, dass die letzten Nächte schlimm waren, besonders die am 30.1. Unsere Ausgebombten kamen morgens zu mir, um sich ein bißchen trösten zu lassen. Aber ich glaube, ich bin ein schlechter Tröster. Zuhören kann ich, aber sagen kann ich fast nie etwas. Aber vielleicht ist schon die Art, in der man nach bestimmten Dingen fragte und nach anderem nicht, ein gewisser Hinweis auf das Wesentliche. Auch scheint es mir wichtiger, dass eine bestimmte Not wirklich erlebt wird, als daß man irgendetwas verwischt oder retouschiert. Nur gegen gewisse falsche Interpretationen der Not bin ich unnachsichtig, weil sie auch ein Trost sein wollen und doch ein ganz falscher sind. So lasse ich die Not uninterpretiert und glaube, daß das ein verantwortlicher Anfang ist, allerdings nur ein Anfang, über den ich sehr selten hinauskomme. Manchmal denke ich, der wirkliche Trost müsse ebenso unvermutet hereinbrechen wie die Not. Aber ich gebe zu, daß das eine Ausflucht sein kann.“

Andere zu trösten ist unheimlich schwer. Von Dietrich Bonhoeffer lerne ich aus diesem Brief zwei Dinge. Zum einen, dass Not notvoll ist und dass es hier nichts zu beschönigen oder zu verwischen gibt. Das Leid eines anderen gilt es zu teilen, nicht zu erklären bzw. kleinzureden. Vermutlich wollte Paulus das gar nicht, aber bei ihm klingt es ein wenig so. 

Bei Dietrich Bonhoeffer lerne ich aber auch, dass Trost immer über die erlittene Not hinausweist. Unvermutet müsste dieser Trost hereinbrechen. Durch Gott selbst, so denke ich. Und plötzlich bin ich wieder ganz nah bei Paulus. Denn die kommende Herrlichkeit wirke ich nicht selbst, weder für mich noch für andere. Gott ist es, der sie wirkt. Seine Herrlichkeit wird an uns offenbart werden. Möge es so sein. Amen.

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