Im Zeichen der Mitmenschlichkeit

Unter dem Titel "Mitmensch 2.0" hat jetzt der Ökumenische Neujahrsempfang im Ratssaal der Stadt Hagen im Rathaus an der Volme stattgefunden. Anders als in der vergangenen Jahren hatten die Organisator*innen nicht zu einem Vortrag, sondern zu einem Podiumsgespräch eingeladen, das den Umgang miteinander - in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft - ins Zentrum stellte.

Cordula Aßmann (links), Chefredakteurin von Radio Hagen, hat das Podiumsgespräch im Rahmen des Ökumenischen Neujahrsempfangs moderiert. Foto: Kristina Hußmann

Nach der Begrüßung durch Verena Schmidt, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Hagen, richtete Oberbürgermeister Erik O. Schulz - als Hausherr - das Wort an die 150 Gäste und nutzte die Gelegenheit, noch einmal gute Wünsche für das 2020 formulieren - mit Bezug zum Thema des Empfangs: "Ich wünsche uns in unserer Stadt, dass wir zu einer versöhnten Verschiedenheit finden und dass diese auch ein Anspruch ist, der uns Menschen in Hagen trägt." Zugleich betonte das Stadtoberhaupt, wie viele Bereiche in Hagen durch das Ehrenamt getragen würden.

Verena Schmidt nahm mit ihrem theologischen Impuls Bezug zu der Frage, die dem Thema des Neujahrsempfangs beigestellt war: Liebst du deinen Nächsten? Oder nur noch dich selbst? Ihrer Betrachtung zu dem Miteinander in unserer Gesellschaft legte die Theologin die These zugrunde, "dass heute bei manchen Rechte in höherem Kurs stehen als moralische Verpflichtungen." Ansprüche würden vielfältig mit überlauter Stimme erhoben, Verantwortung von sich selbst auf andere abgeschoben. Natürlich gebe es sie noch, die Menschen, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen und sich in diesem Sinne engagieren, führte Verena Schmidt mit zahlreichen Beispielen aus. Aber viele andere Beispiele würden eben auch zeigen: "Die Anleitung zum Bewusstsein ethischer Verpflichtung und zu persönlicher Verantwortung tut unserer Gesellschaft not."

Bei dem anschließenden Podiumsgespräch, das von Cordula Aßmann, Chefredakteurin von Radio Hagen moderiert wurde, berichteten Anja Krüselmann (Rektorin der Grundschule im Kley), Elsbeth Wilbrand-Behrens (Leiterin der Beratungsstelle ZeitRaum), Veit Lenke (Chef der Hagener Feuerwehr), Reinhard Goldbach (Leiter des Jugendamtes der Stadt Hagen), Frank Bessler (Ärztlicher Leiter des Geschäftsbereichs Medizin der Evangelischen Stiftung Volmarstein) und Prof. Stefan Stürmer (Dekan der Fakultät für Psychologie an der Fernuni Hagen) aus ihrem beruflichen Kontext zum Thema.

Veit Lenke erzählte von Einsätzen der Feuerwehr, bei denen die Rettungskräfte angefeindet und sogar bestohlen wurden. "Manchmal sind wir fassungslos", so der Feuerwehrchef. Auch Frank Bessler weiß: "Gewalt in Kliniken erleben wir täglich und das auch schon immer." Aber, so bewertet er: "Die Qualität ist eine andere; der Ton wird rauer." Die Grundhaltung vieler Menschen sei nicht mehr konstruktiv.

Diese Analyse bestätigte Professor Stefan Stürmer, der sagt: Die Qualität des Umgangs hat sich verändert; der Ton ist gereizter, was sich vor allem an der Kommunikation in sozialen Netzwerken erkennen ließe. "Gleichzeig aber verzeichnen wir Rekordzahlen in Sachen Ehrenamt", so der Psychologe, der auch betont: "Situationen, in denen wir erschrocken sind über das Verhalten unserer Mitmenschen, sind heute vor allem sehr schnell öffentlich." Das verändere natürlich auch die Wahrnehmung.

Anja Krüselmann erlebt als Leiterin einer Grundschule, dass auffälliges Verhalten oft mit Überforderung einhergehe - auch in Bezug auf die sozialen Netzwerke. "Dass schon kleinen Kindern sämtliche Medien und freier Zugang zum Internet zur Verfügung stehen, sei ein ganz großes Thema an den Schulen. "Wir versuchen immer, lösungsorientiert zu arbeiten", so die Pädagogin. "Die Vernetzung mit Einrichtungen der Stadt sei dabei sehr hilfreich. "So ist eine Idee, Medienscouts nicht nur an den weiterführenden Schulen, sondern auch an den Grundschulen einzusetzen. So nutze man die vorhandenen Ressourcen und erziele gleichzeitig einen Effekt, der zum Beispiel auch in Sachen Streitschlichtung immer deutlich sichtbar sei: "Wenn sich Kinder untereinander helfen oder Jugendliche Jüngere unterstützen, dann wirkt das ganz anders, als wenn das von uns Lehrer*innen kommt."

Dechant Dr. Norbert Bathen und Superintendentin Verena Schmidt. Foto: Kristina Hußmann

Reinhard Goldbach, Leiter des Bereichs Jugend und Soziales bei der Stadt Hagen, bezieht viele Verändungern darauf, "wie Kinder und Jugendliche heute aufwachsen." Es gebe mehr Anonymität und - auch und vor allem durch die sozialen Medien - andere Gruppenprozesse. "Cybermobbing ist ein großes Thema." Und damit seien die Medien auch ein Arbeitsschwerpunkt in seinem Bereich. "Wir brauchen Mitarbeiter, die sich damit gut auskennen. Nur dann können wir Orientierung geben." Goldbach betont: "Wir haben nicht mehr, sondern andere Probleme."

Eine Bewertung, die Elsbeth Wilbrand-Behrens aus ihrem Arbeitsbereich der Beratung bestätigen kann: "Die menschlichen Grundbedürfnisse und -konflikte haben sich nicht verändert." Aber: "Die Menschen sind weniger bereit, den anderen verstehen zu wollen." Die Empathiefähigkeit habe abgenommen. "Es ist etwas aus den Fugen, aus der Balance geraten."

Eine Strategie, auf die alle Diskussionsteilnehmer*innen, setzen, ist die der Bildung und Ausbildung. "Wir investieren viel in die Förderung unseres Nachwuches", sagt Veit Lenke. Professor Stefan Stürmer und Anja Krüselmann sehen in der medienpädagogischen Erziehung eine wichtige Stellschraube.

"Wir müssen präventiv arbeiten", ist Reinhard Goldbach überzeugt. "Und Bildungsteilhabe ist nicht nur ein Thema von Schule. Das beginnt in der Kita und beinhaltet auch die Elternarbeit."

Frank Bessler und Elsbeth Wilbrand-Behrens sind sich in einem anderen Punkt einig: "Wenn ich einen Schritt auf den anderen zugehe", so Frank Bessler, "dann habe ich schon etwas gewonnen." Viele Menschen erlebten in ihrem Alltag wenig Wertschätzung, ergänzt die ZeitRaum-Leiterin. "Wir setzen auf analoge Begegnungen von Mensch zu Mensch - dafür sind uns die Menschen in der Regel sehr dankbar."

"Wenn ich - wie heute morgen - bei einem Ausbildungslehrgang der freiwilligen Feuerwehr bin und 20 junge Leute erlebe, die in Sachen Mitmenschlichkeit unterwegs sind, dann macht mich das nicht nur froh, sondern dann blicke ich auch optimistisch in die Zukunft", so Veit Lenke. "Wir sind nicht ausgeliefert", so Frank Bessler. "Oft haben wir es selbst in der Hand und können auch durch unser eigenes Verhalten ganz viel bewirken.

Dr. Norbert Bathen, scheidender Dechant des Katholischen Dekanats Hagen-Witten, sprach das Schlusswort und verabschiedet sich von seinem letztem Ökumenischen Neujahrsempfang als aktiver Akteur.

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