An(ge)dacht: Was geht’s uns gut!

An(ge)dacht: Was geht’s uns gut!

An(ge)dacht: Was geht’s uns gut!

# Story

An(ge)dacht: Was geht’s uns gut!

Meine 91jährige Mutter überraschte mich vor ein paar Tagen mit dem Satz: „Ich führe ab sofort ein Dankbarkeitstagebuch!“  Sie hatte sich überlegt, dass es doch gut wäre, sich jeden Tag wenigstens einmal darüber klar zu werden, wie viel Grund es gibt, dankbar zu sein.

Mir, ihrem 64jährigen Filius, trieb diese Ankündigung ein wenig die Schamesröte ins Gesicht. Ich fühlte mich wie ertappt. Ja, dachte ich bei mir, genau das ist es! Wieso komme ich nicht selbst auf diese Idee? Die alte Dame, aufgewachsen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, mit bitteren Erfahrungen von Hunger, Flucht und Ausgrenzung, so wie viele ihrer Generation, am Ende eines Lebens mit viel Arbeit und Mühe, mit großen gesundheitlichen Problemen, die ihr hohes Alter mit sich bringt, sie wird mir zur Lehrmeisterin in Sachen Dankbarkeit. Das rückt meinen Blick so was von zurecht.

In diesen Zeiten lesen und hören wir viel von Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen - im Iran, in der Ukraine und an so vielen anderen Orten der Welt. Ich habe gelesen von durchgeknallten Despoten, die in ihrem Größenwahn glauben, die ganze Welt kaufen zu können. Ich habe gelesen von einer sich abzeichnenden und scheinbar kaum noch aufzuhaltenden Klimakatastrophe, das zukünftige Generationen bedroht.

Ich könnte an der Liste der Dinge, die uns in höchste Sorge versetzen können, jetzt noch lange weiterschreiben. Aber das will ich nicht. Ohne die Augen vor der oft furchtbaren Wirklichkeit unserer Zeit zu verschließen, möchte ich heute durch all das hindurch meinen und unseren Blick schärfen auf das, wofür wir immer noch und eigentlich immer schon sehr dankbar sein können: Wir dürfen in einem Land leben, in dem es uns an kaum etwas fehlt. Wir dürfen frei unsere Meinung sagen, ohne Angst haben zu müssen, bei kritischen Ansichten dafür verfolgt oder eingesperrt zu werden. Wir haben Zugang zu allen Informationen, die wir uns denken können. Und wenn wir krank werden, wird jedem von uns geholfen.

Wir erleben immer wieder auch freundliche Menschen um uns herum, können Dinge tun, die uns Freude machen, sehen Kinder aufwachsen, wir lieben und werden geliebt. All das will ich nicht vergessen bei all dem Elend der Welt. Ich bin überzeugt davon: Ein grundsätzlich dankbares Herz ist die beste Medizin gegen die Verzweiflung.   

Ein Dichter hat vor vielen Jahrhunderten geschrieben: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ (Die Bibel, Psalm 102)

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