"Jede Geschichte müsste erzählt werden"

"Jede Geschichte müsste erzählt werden"

"Jede Geschichte müsste erzählt werden"

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"Jede Geschichte müsste erzählt werden"

Eine Ausstellung zum Thema Kirchenasyl wird vom 18. Mai bis zum 5. Juni im Gemeindezentrum der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Haspe zu sehen sein. Die Ausstellung besteht überwiegend aus großformatigen Roll-Ups, auf denen die Geschichten von Menschen erzählt werden, die im Kirchenasyl gewesen sind. Die Porträt-Fotos wurden von einem iranischen Künstler aufgenommen. Offiziell eröffnet wird die Ausstellung mit einem Themenabend am 19. Mai um 18 Uhr im Gemeindezentrum. Neben einem Podiumsgespräch mit Expertinnen und Experten wird es bei einem Imbiss die Möglichkeit zum Austausch geben. Und natürlich können sich Besucherinnen und Besucher bei einem Rundgang durch die Ausstellung mit den verschiedenen Geschichten beschäftigen.

Mit der Hasper Kirchengemeinde wird die Ausstellung an einem passenden Ort präsentiert. Von 2018 bis 2025 hat die Gemeinde drei Mal Kirchenasyl gewährt. Auch in den Jahren zuvor haben sich die Verantwortlichen in Haspe in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Pfarrer Jürgen Schäfer ist in diesen Jahren zum Experten für Kirchenasyl geworden. Bei einem Gespräch im Vorfeld der Ausstellung gibt der Theologe Einblicke in das komplexe Thema.


Frage: Was heißt eigentlich Kirchenasyl und wie lässt es sich in die aktuelle Rechtslage einordnen?
Antwort Jürgen Schäfer: Das Kirchenasyl ist kein rechtsfreier Raum. Kirchenasyl ist eine Möglichkeit, die der Rechtsstaat uns bietet, in einem aktuellen Verfahren einen Stopp zu machen und damit die Frist für die Abschiebung zu überschreiten. Nehmen wir einen Menschen ins Kirchenasyl, müssen wir das an die Landeskirche und das Ausländeramt melden. Der Staat respektiert in diesem Fall, dass ein Mensch, der abgeschoben werden soll, unangetastet bleibt. Der konkrete Fall wird dann genauer angeschaut, zum Beispiel mit Blick auf unbeantwortete Fragen. In der Regel kommt es zu einer Duldung.

Frage: Was bedeutet das Kirchenasyl ganz praktisch für eine Kirchengemeinde? Welche Herausforderungen gibt es?

Antwort: Wenn eine Gemeinde Menschen ins Kirchenasyl nimmt, bedeutet das zum Beispiel, dass die Menschen das Kirchengrundstück nicht verlassen dürfen. Auch für die Versorgung mit Lebensmitteln und auch medizinische Hilfe muss die Kirchengemeinde aufkommen. Und es bedeutet bürokratische Arbeit: Die Kommunikation mit den Behörden muss ja geordnet laufen. Was sehr schwer wiegt: Die Menschen sind in den meisten Fällen traumatisiert. In einem unserer Fälle hatte sich ein Syrer über Belarus nach Deutschland durchgeschlagen und dabei so viel Schreckliches erlebt, dass er permanent von einer tiefsitzenden Angst begleitet wurde. Was macht man da? Man kann das Leid der Menschen nur bedingt lindern. Und das kann schon eine Überforderung sein. Und: So viele Gemeindemitglieder sich in dieser Sache sehr engagieren, so gibt es auch Menschen, die das nicht befürworten. Auch diesen Bedenken muss man Raum einräumen und gut kommunizieren. Dennoch hat es in manchen Situationen große Probleme gegeben. Natürlich stellen einen die sprachlichen Barrieren vor Schwierigkeiten. Da ist es sehr hilfreich und wichtig, dass wir immer Unterstützung von der Flüchtlingsberatung der Diakonie bekommen haben.

Frage: Welcher Geschichte aus Ihrer Erfahrung würden Sie einen Platz in der Ausstellung geben?

Antwort: Jede Geschichte müsste erzählt werden! Aber es gibt Episoden und Aspekte, die viele der Menschen erlebt haben und die sie betreffen. Die Flucht über das Meer zum Beispiel. Hat man einmal eine dieser Geschichten gehört, lässt einen das Bild nicht mehr los. Das Bild von dem Mann, der seinen Rucksack mit allem, was er noch besitzt – Geld, Papiere, Laptop -, loslässt, um seine Frau festzuhalten. Oder die Flucht mit kleinen Kindern. Da sitzt eine Familie auf der Insel Cio nach der Überfahrt übers Mittelmeer im völlig überfüllten Lager fest. Sie stellen einen Asylantrag in Griechenland und hören dann über ein Jahr nichts mehr davon. Als die Frau erneut schwanger wird und ein Kind bekommt, wird sie mit ihren Angehörigen ans Festland gebracht. Sie entbindet das Kind und macht sich mit ihrer Familie auf dem Landweg über Bosnien auf den Weg. Mit einem Neugeborenen und zwei Kindern und ihrem Mann. In Bosnien werden sie schlecht behandelt und es werden ihnen Fingerabdrücke abgenommen. Die Kinder gehen nicht in die Schule, die Unterkunft ist sehr erbärmlich. So machen sie sich weiter auf den Weg nach Deutschland. Dort ist ihr Fall ein typischer Dublin-Fall. Die größeren Kinder gehen zwar hier zunächst in die Schule, aber sie sollen nach Bosnien abgeschoben werden. Die Behörden habe dafür ein halbes Jahr Zeit. Vor Ablauf dieser Frist wird die Frau immer verzweifelter und will sich das Leben nehmen. Wir haben sie und ihre Familie ins Kirchenasyl genommen. Für vier Tage. Dann hat unser Anwalt eine Duldung bekommen. So schnell ist es noch nie gegangen! Die Familie war sehr erleichtert. Die Kinder waren glücklich, weiter in die Schule gehen zu dürfen. Man muss sich aus humanitären Gründen fragen, ob man diese Heimatlosigkeit den Kindern antun will: Keinen Fuß fassen zu können, überall unerwünscht zu sein. Also ich hatte bei diesem Fall ein gutes Gefühl. Ihre Flucht ist an ein Ende gekommen und sie können hierbleiben. Jetzt können Sie an ihrer Zukunft arbeiten. Auch hier bieten wir und auch die Diakonie Unterstützung an. Wir haben auch noch Kontakt zu unseren Kirchenasylanten.

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