Pauluskindergarten nimmt am Bundesprogramm Sprach-Kita teil

„Um 9.15 Uhr holen wir Ihre Kinder an der Tür ab“, steht groß auf einem Zettel. Es ist 9.07 Uhr, und die junge Mutter klingelt trotzdem. Mehrfach. Erst schimpft sie leise. Dann zuckt sie ratlos mit den Schultern. Was auf dem Zettel steht, kann sie nicht lesen. Deutsch ist ihr fremd.

Das Vorlesen zweisprachiger Bücher gehört im Pauluskindergarten in Wehringhausen zum Kindergartenalltag. Fotos: Kristina Hußmann

Womit sie hier nicht allein ist. „So geht es vielen Familien der Kinder, die unsere Kita besuchen, sagt Sarah Dombrowski, die als Erzieherin Im Evangelischen Pauluskindergarten in Hagen-Wehringhausen seit Anfang des letztes Jahres das dreijährige Sprach-Kita-Programm betreut. „Unser Ziel ist deshalb die Integration der deutschen Sprache bis in den Alltag der Familien hinein“, erklärt die 24-Jährige. Keine leichte Aufgabe für das Team der Kita, das es neben Deutsch mit einer bunten Mischung von über zehn Sprachen zu tun hat: Türkisch, Arabisch, Syrisch, Polnisch, Kurdisch, Persisch, Griechisch, Albanisch, Bulgarisch… „Und dennoch gelingt in vielen Fällen ganz schnell der Dialog.“

Sarah Dombroski zeigt an einer Schautafel, was das Bundesprogramm Sprach-Kita beinhaltet.

Inhaltlich unterstützt und finanziell gefördert wird das Sprach-Kita-Programm vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Von 2016 bis 2019 stellt der Bund jährlich bis zu 100 Millionen Euro für die Umsetzung des Programms zur Verfügung. „Weil Sprache der Schlüssel zu gleichen Bildungschancen für alle Kinder ist“, heißt es in einem Flyer des Ministeriums. Konkret geht es um „alltagsintegrierte sprachliche Bildung“ und eine „vertrauensvolle Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen den pädagogischen Fachkräften und den Familien“. Aber was heißt das in der Praxis?

„Es geht nicht um die Förderung einzelner Kinder, sondern darum, Sprache in unserem Kindergartenalltag in allen Situationen bewusst einzusetzen“, so Sarah Dombrowski. „Beim Essen oder gemeinsamen Spielen achten wir darauf, immer im Gespräch mit den Kindern zu sein und ausführlich und detailreich zu antworten.“ Ein Beispiel: „Die Frage nach etwas zu Trinken am Tisch kann durch eine Handlung beantwortet werden, indem man dem Kind Wasser einschenkt. Oder man kann sagen: Gerne schenke ich dir noch etwas ein. Hast du großen Durst? Oder reicht ein halber Becher voll?“ Der Effekt sei besonders bei Kindern, die zunächst wenig oder gar kein Deutsch sprechen, ganz deutlich und dabei auch so logisch. „Umso mehr wir Sprache sinnhaft benutzen, desto schneller geht das Lernen. Die Kinder saugen alles auf.“

Die Bildung der Kinder ist aber nur der eine Teil des Sprach-Kita-Programms. „Denn Sprachbildung findet zuerst durch Eltern und auch zu Hause statt“, so steht es in dem Flyer. Die Praxis: „Wir versuchen ganz stark, die Familien mit einzubinden“, sagt Sarah Dombrowski. Beim regelmäßigen Eltern-Café gibt es Zeit zum Austausch. Besonders erfolgreich sei das Projekt „Eltern kochen für Eltern“, wobei sich daran überwiegend die Mütter beteiligen würden. Eine Mutter sucht ein Rezept aus, andere steuern Zutaten bei, und dann wird in der Kita-Küche gemeinsam gewirkt und gegessen. „Dabei kommunizieren wir tatsächlich auch mit Händen und Füßen und finden jedes Mal einen guten Weg der Verständigung“, so die Erzieherin. „Manchmal sprechen wir tatsächlich eine Sprache, obwohl wir die Worte der anderen nicht verstehen.“

Aber auch das gehört zum Programm. Die Wertschätzung von Sprache grundsätzlich. Nicht nur der Deutschen, sondern auch allen anderen mit ihren Besonderheiten und kulturellen Verbindung. Und davon profitieren nicht nur die Kinder und Familien, sondern auch die Erzieherinnen selbst. „Ich lerne so viel beim Zuhören im Elterncafé oder beim Vorlesen zweisprachiger Bücher – das ist wirklich toll.“ So möchte das Team der Kita in Zukunft auch einen Schwerpunkt auf das Vorlesen oder Hören von Geschichten in verschiedenen Sprachen legen. „Damit die Kinder auch verstehen, wie viele Sprachen es gibt“, so Sarah Dombrowski. „Es ist absolut wichtig, dass die Familie mit dem Deutschen vertraut sind. Aber ebenso wichtig ist, die Vielfalt zu begreifen und einzubinden.“