„Wir wollen als Kirche hier Flagge zeigen“

„Wir wollen Menschen einladen, wir wollen offen sein und uns nicht abschotten.“

Pfarrer Stephan Buse freut sich mit dem Team der Ehrenamtlichen auf interessante Begegnungen in der nun „offenen Kirche“ in Haspe. Foto: Nicole Schneidmüller-Gaiser

Dass ein Pfarrer so etwas sagt, verwundert erst einmal nicht. Was in der Kirchengemeinde Haspe aus diesen Worten des Gemeindepfarrers Stephan Buse in diesen Tagen entstanden ist und noch entsteht, ist trotzdem bemerkenswert, weil es noch gar nicht so viele Bespiele in der Region gibt:  Seit Beginn des Monats ist das Gotteshaus an der Frankstraße in Haspe eine „Offene Kirche“ – zunächst an vier Tagen pro Woche, für jeweils zwei bzw. drei Stunden. Eine Versuchsbeschreibung.

Als Pfarrer Stephan Buse vor zwei Jahren in den Kirchenkreis kam, nahm er sein neues Umfeld besonders gründlich in den Blick. Der schöne Kirchplatz vor der Kirche sei ihm gleich aufgefallen, erinnert er sich; im Sommer laden die Bänke im Schatten der alten Bäume zum Verweilen ein. „Zwischendurch war es aber leider auch ein Angstraum“, erinnert sich Buse an dubiose Geschäfte, die nicht sein sollen und an so manchen, der eben nicht nur für eine kurze Pause dort stoppte. „Ich finde es wichtig, dass wir hier als Kirche Flagge zeigen“, packte er das Thema beherzt an, suchte Mitstreiter und fand sie in insgesamt 20 Menschen aus der Gemeinde, die nun für einen Versuchszeitraum jeweils zu zweit in der Kirche auf die Dinge – und die Menschen – warten werden, die da kommen.

Wer Ruhe sucht oder beten möchte, eine Kerze entzünden oder reden will – der findet bei den 18 Frauen und 2 Männern immer ein verständnisvolles Gegenüber. Die Gemeinde hat extra eine neue Gebetsecke eingerichtet – in einem Gästebuch können die Besucher zudem Gebete oder Gebetsanliegen formulieren.

Doch auch, wer sich für die Architektur der Kirche, für die schöne Orgel oder für die Geschichte der besonderen Weltkriegsfenster interessiert, ist herzlich willkommen: In einem Koffer, den Buse für das Ehrenamtsteam gepackt hat, stecken Schnellhefter voller Informationen, die das Herz aller Historiker höher schlagen lassen werden.

Ein zweiter Schnellhefter enthält Hilfeangebote aller Art – denn dass gerade auch Menschen in schwierigen Lebenssituationen die Kirche aufsuchen, weiß der erfahrene Theologe auch. „In London gibt es sogar Kirchen, in denen auf den hinteren Bänken Obdachlose zur Ruhe kommen und schlafen dürfen“, erzählt er den aufmerksam lauschenden Ehrenamtlichen. Manchem ist dabei anzumerken, dass er sich eine solche Situation dann doch nicht vorstellen mag. „Es ist gut,  wenn Sie sich im Team in die Liste eintragen und den Dienst möglichst zu zweit absolvieren“, ermuntert der Pfarrer die anwesenden Damen, von denen viele schon in der Frauenhilfe aktiv sind. Von seelsorglichen Gesprächen bis hin zur Vermittlung von konkreten Hilfen, etwa der Corbacher 20 oder Angeboten des Diakonischen Werkes, reicht die Palette der möglichen Themen, die die Ehrenamtlichen erwarten.

Und wahrscheinlich wird, gerade in den Sommermonaten, auch der ein oder andere Pilger vorbeikommen, denn Haspe liegt am Jakobsweg und demnächst können die Pilger hier auch einen Stempel bekommen. „Und natürlich auch ein Glas Wasser gegen den Durst oder notfalls ein Pflaster“, lachen die Frauen. Sobald die Gemeinde sich für ein Motiv entschieden hat, wird ein offizieller „Pilgerstempel“ bestellt.

Zur „verlässlich offenen Kirche“ reicht das Angebot noch nicht – davon gibt es in ganz Westfalen etwa 280 mit deutlich längeren Öffnungszeiten. Doch der Anfang ist gemacht – und Stephan Buse nimmt das sportlich: „Es ist doch besser, nicht verlässlich offen zu sein, als verlässlich geschlossen“, lacht er und freut sich auf die Zeit der Auswertung im Oktober.

Und während sie noch sitzen und den Ablauf organisieren – können die staunenden Ehrenamtler sehen, dass es schon funktioniert: Angelockt von der weißen Fahne auf der Treppe und die offene Tür, betritt Marlies Stich aus dem Kettelbach die Kirche. Ihre Tochter heiratet im August – und so nutzt die erfreute Brautmutter die Gelegenheit, den Altarraum schon mal für den Blumenschmuck in Augenschein zu nehmen. Sie wird gewiss wiederkommen: „Ich finde es sehr gut, dass die Flagge so einladend vor der Kirche steht. Wenn die Türen zu sind, traut sich mancher vielleicht nicht rein…“

Text: Nicole Schneidmüller-Gaiser

Weitere Infos auf einen Blick:

Die Evangelische Kirche an der Frankstraße in Haspe ist seit dem 2. Juni auch an vier Tagen in der Woche geöffnet. Etwa 20 Ehrenamtliche machen möglich, dass Menschen bis Ende September dieses Jahres dienstags und freitags von 15 bis 18 Uhr sowie donnerstags und samstags von 10 bis 12 Uhr die Kirche besuchen können. Weitere Informationen erteilt Pfarrer Stephan Buse unter 0 23 31/4 73 07 00.

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