Andachten

08. Mai 2023

Eine Hosentasche voller Poesie:
An(ge)dacht

Poesie ist eine große Kunst. Sie schafft es, mit wenigen Worten von einer großen Sache zu erzählen. Und das einfach nur, weil die richtigen Worte in einer neuen, überraschenden Weise aneinandergereiht wurden. Mehr noch: Wenn ich ein Gedicht lese – oder ein Bild betrachte oder eine Musik höre – kann es passieren, dass ich wie hineingesogen werde in einen Raum voller neuer Gedanken und Gefühle. Etwas, was bis dahin undenkbar schien, nimmt plötzlich Gestalt an. Poesie vermag etwas auszudrücken, was größer ist als ich selbst, ja vielleicht sogar, was größer ist als alles, was je gedacht worden ist. Wer das kann, ist eine Künstlerin.

Und ich merke beim Schreiben: Dieser Text wird dem Anspruch nicht gerecht. Es ist schwierig über etwas zu reden oder zu schreiben, was klein und unscheinbar daherkommt aber über mich selbst hinausragt.

Ich versuche mich der Sache praktisch zu nähern:

Für die Kunst der Poesie wird etwas zum Schreiben und ein Medium, worauf zu schreiben ist, gebraucht. Am einfachsten ein Bleistift und ein Stück Papier. Oder ein mit Bildschirm und Tastatur ausgestattetes Gerät. Folglich kann ich die Verse auf einem Blatt Papier oder über einen Bildschirm, der gerade auf meinen Knien balanciert, während ich auf der Couch sitze, in die Hand nehmen und lesen.

Nun drängt es mich, wenn mich solche Verse ansprechen und begeistern, sie bewahren zu wollen. Meist zücke ich mein Handy und mache schnell ein Foto von dem Vers. Dann stecke ich es zurück in meine Hosentasche.

Früher musste ich die Verse abschreiben, mit Bleistift oder Füller auf ein Stück Papier. Das landete zumeist auch in der Hosentasche. Ich habe keine Ahnung, wie viel Poesie die Waschmaschine im Laufe meines Lebens schlucken musste, weil ich die Hosen ungeleert in die Wäsche gegeben habe. Aber ich kann mich an diese Verse besser erinnern als an die Fotos in meinem Handy. Manchmal konnte ich die Zettel nach der Wäsche sogar noch retten. Ich habe mir schnell eine neue Notiz von ihnen gemacht. Die landete dann wieder in der Hosentasche. Eine Hosentasche voller Poesie, die das Zeug dazu hat, den Raum zu weiten. Nur ein Zettel. Der aber vermag so viel mehr.

Zu manchem Vers gehört eine Melodie, ein Lied, ein Psalm. Die Worte wirken dann wie die Töne auf dem Klavier, die mitklingen aber nicht angeschlagen wurden. Mancher Vers lässt ein Bild vor meinen Augen entstehen. Mancher Vers eine Frage, die ich überdenken will. Mancher Vers wird zum Gebet, weil ich es allein nicht (be)greifen kann. Vers, Bild, Lied, Frage, Gebet: sie alle sind Poesie, und die steckt in meiner Hostentasche.

Heute ist der „Poem in your pocket day“. Man mag von diesen Gedenktagen halten, was man will. Vielleicht war er auch schon vorgestern. Da sind sich die Quellen im Internet nicht so einig. Letztlich ist es egal. Die Idee dahinter gefällt mir. Die Aufmerksamkeit auf das lenken, was klein und unscheinbar in meiner Hosentasche liegt aber meinen Geist weitet.

Ich denke, ich werde heute noch die Gedichte in der Fotogalerie meines Handys suchen und das ein oder andere abschreiben. Irgendwo ist der Goethe und was von Hesse ist auch dabei, Hilde Domin, Mascha Kaléko, Erich Fried und Kurt Marti, und das eine, von der Lyrikerin, deren Namen ich noch nicht kannte. Und Psalm 31: Du stellst meine Füße auf weiten Raum …

Ich tauche ab in meine Hosentasche.

Auf bald! Ihre Pfarrerin Katharina Eßer

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